Düngung I


„Düngen heißt, den Boden beleben“

Dieser Satz ist mir zum ersten mal Anfang der neunziger Jahre am Beginn meiner Arbeit als Biogärtner begegnet. Seine Richtigkeit hat sich mir in der Praxis immer wieder bestätigt, trotz aller Zweifel durch Rückschläge und anderslautender Argumentationen in der Beratungsliteratur. Jedes Jahr auf´s Neue stellt sich Gärtnern und Gärtnerinnen die bange Frage, ob der Boden ausreichende Erträge bringen wird: War es genug, was ich für den Boden getan habe? Soll ich lieber doch den Stickstoffgehalt untersuchen lassen, oder gleich mit Hornspänen düngen?
Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass sich fast alle Freilandkulturen aus einer Fruchtfolge mit mehrjährigem Klee/Gras-Gemenge ausreichend ernähren lassen. Im Gewächshausanbau ist das anders, dort lässt sich kaum eine brauchbare Fruchtfolge umsetzen, aber das ist ein anderes Thema. Ich habe nie den Stickstoffgehalt untersuchen lassen und außer zwei missglückten Versuchen mit Broccoli gab es keine Missernte durch Stickstoffmangel. Dazu muss man wissen, dass der Stickstoffbedarf von Broccoli und Blumenkohl extrem hoch ist. Bei einem dritten Versuch mit Romanescu, einer grünen Blumenkohlsorte, habe ich zu jeder Pflanze eine Extraportion Kompost gegeben. Dieser Versuch war erfolgreich, auch wenn die Kopfgröße eher mittelmäßig war. Aber auch der hohe Wasserbedarf dieser Kulturen kann in einem Klima mit rund 500 mm Jahresniederschlag zum Problem werden. Für mich stellt sich die Frage, ob es sinnvoll ist, solche Kulturen in der Biolandwirtschaft anzubauen, Blattkohlsorten wie Grün-, Braun- und Schnittkohl sind wesentlich genügsamer und auch viel länger haltbar auf dem Feld. Man muß bei den Knospenkohlarten einfach viel zu sehr gegen die Natur arbeiten und diese hat die Verfügbarkeit von Stickstoff für die Pflanzen durch verschiedene Tricks eingeschränkt – und das aus gutem Grund.


Sonnenstickstoff


In einem Artikel, der auf der Webseite des Permakultur Institut veröffentlicht wurde [1], stellt der Autor die Hypothese auf, dass es egal sei ob mit organischem oder anorganischem Stickstoff gedüngt wird, wichtig sei nur, dass die Herstellung des Düngers mit erneuerbaren Energien erfolgt. Ist das die Lösung für die eingeschränkte Verfügbarkeit des wichtigen Pflanzennährstoffes? Kunstdüngerproduktion mit Sonnenenergie?

Die Verwendung von synthetischen Stickstoffdüngern führt nachweislich zur Bodenversauerung und zum Humusabbau und schädigt das Bodenleben. Pflanze und Boden werden in ihrer natürlichen Entfaltung behindert. Die Aussage im genannten Artikel, dass die Pflanze den Stickstoff immer als Ion, also in leicht löslicher Form aufnimmt, ist nicht richtig. Pflanzen sind in der Lage, hochmolekulare Verbindungen aufzunehmen. Die Fähigkeit der Pflanzen, auch stark mineralisierte Düngestoffe aufzunehmen, ist ein Notprogramm, um den kostbaren Nährstoff nicht durch Auswaschung verloren gehen zu lassen. Auch die Aussage, Auswaschung findet nur statt durch die Ausbringung großer Mengen an Gülle, ist nicht richtig. Auch Stickstoff aus Kunstdünger und mineralisierter Stickstoff aus dem Bodenhumus unterliegt der Auswaschung. Wie sich diese Verluste vermeiden lassen werde ich später erläutern. Der intensive Gebrauch leicht löslicher Stickstoffdünger hat dazu geführt, dass der Stickstoffkreislauf auf der gesamten Erde völlig aus dem Gleichgewicht geraten ist [2]. Darin liegt auch der Sinn der Regulationsmechanismen (eigentlich sind es Organismen), die den verfügbaren Stickstoff auf der Erdoberfläche begrenzen: den Stickstoffkreislauf im Gleichgewicht zu halten. Durch den Gebrauch von Kunstdünger haben wir dieses Gleichgewicht aus der Balance gebracht mit verheerenden Folgen für viele Ökosysteme, sowohl auf dem Land als auch im Wasser. Die so genannte Eutrophierung, die Anreicherung von Nährstoffen in der Biosphäre, ist eine wichtige Ursache für das weltweite Artensterben. Die griechische Vorsilbe eu bedeutet gut, wohl oder schön – aber es ist alles andere als gut, wohl oder schön was hier passiert ist, und das innerhalb weniger Jahrzehnte. Der Gebrauch synthetischer Stickstoffdünger (ich benutze dafür gerne den altmodischen Begriff Kunstdünger) hat erst in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts richtig begonnen. Ziel des Haber/Bosch-Verfahrens (das ist das technische Verfahren um Luftstickstoff in Ammoniak und dann in Salpeter umzuwandeln) war ursprünglich die Herstellung von Salpeter für Sprengstoff und Schießpulver. Ohne die künstliche Salpeterherstellung wäre es unmöglich gewesen den ersten und zweiten Weltkrieg in diesem Ausmaß zu führen, wie sie geführt wurden. Es wäre einfach unmöglich gewesen, die nötigen Mengen an Schießpulver aus natürlichen Quellen zu decken. Auch der Gebrauch von Salpetersalzen als Dünger im neunzehten Jahrhundert, lässt sich nicht mit den heute üblichen Mengen vergleichen. Die Anwendung von Kunstdünger ist in Deutschland und Europa leicht rückläufig – der internationale Trend sieht leider anders aus.

Ein weiteres Problem bei der Verwendung von Kunstdünger ist die Freisetzung von Lachgas. Bereits bei der Herstellung entsteht Lachgas und auch nach der Ausbringung auf dem Acker entweicht ein Teil des mit hohem Energieaufwand gebundenen Stickstoffs in dieser Form wieder in die Atmosphäre. Lachgas ist mehrhundertfach klimaschädlicher als CO2. Auch aus organischem Dünger kann bei falscher Behandlung Lachgas entweichen. Diesen Prozess können wir aber beeinflussen.

Das letzte Problem, das ich heute hier besprechen will, ist der hohe Energieaufwand für die Herstellung von Kunstdünger. Der Gebrauch regenerativer Energiequellen erscheint sinnvoll, wenn man den qualitativen Unterschied zwischen organischem und anorganischem Stickstoff und alle Folgen des Kunsdüngergebrauchs außer acht lässt. Aber es ist eine große Illusion, dass wir unseren gigantischen Energieverbrauch durch Sonnenenergie, oder andere erneuerbare Quellen ersetzen können. Der gesamte Verbrauch an Primärenergie in Deutschland beträgt derzeit rund 13000 Petajoule, das ist eine unvorstellbare Zahl [3]. Heruntergerechnet pro Einwohner sind das rund 45000 kWh! Damit sind wir im globalen Vergleich noch nicht einmal die ersten. Dieses Problem lässt sich nicht durch Ersatz fossiler durch erneuerbare Energie lösen, sondern nur durch eine radikale Veringerung des Gesamtverbrauchs. Auch wenn der Verbrauch seit 1990 leicht gesunken ist, um 2000 Petajoule – der Anteil der erneuerbaren Energie beträgt nur 15%. Und an dieser Stelle drängt sich die Frage auf: ist es wirklich sinvoll Energie für die Herstellung von Kunstdünger aufzuwenden, wenn die Natur das für uns ganz nebenbei von selbst macht bei entsprechender Bewirtschaftung unserer Gärten und Äcker? Brauchen wir diese Energie nicht an anderer Stelle viel dringender?

Das Verbot der Anwendung von Kunstdünger in der Biolandwirtschaft hat also wichtige, sachliche Gründe, jenseits irgendeiner Art von Ideologie.


Wir leben in einer übergroßen Fülle!


Was auch noch interessant ist in diesem Zusammenhang: der vorhandene Gesamtstickstoff in der Landschaft ist nicht so begrenzt wie es auf den ersten Blick erscheint, begrenzt ist vor allem die Verfügbarkeit! In einem Boden mit einem durchschnittlichen Humusgehalt können große Mengen an organisch gebundenem Stickstoff vorhanden sein. Kein Bauer würde so viel Kunstdünger auf seinen Acker streuen, dann würde einfach gar nichts mehr durch die Überdüngung wachsen. Eine rein mechanische Betrachtung der Thematik geht zurück auf Justus von Liebig, der vor rund einhundertfünfzig Jahren die Hypothese aufgestellt hat, dass sich Pflanzen von bestimmten Mineralstoffen in leicht löslicher Form ernähren. Liebig selbst hat diese Hypothese relativiert, vor allem hat er vor dem intensiven Gebrauch von leicht löslichen Stickstoffsalzen gewarnt. Leider wollte das damals kaum noch jemand hören. Die Theorie passte zu gut in das Weltbild und den Zeitgeist des neunzehnten Jahrhunderts und hat sich leider bis heute hartnäckig gehalten obwohl diese Theorie durch vielerlei Forschungsarbeit und ganz praktisch auch durch die Entwicklung der modernen Biolandwirtschaft, längst widerlegt ist. Aber nicht widerlegt in einem absoluten Sinne, sondern nur in ihrer Ausschließlichkeit: Pflanzen können sich von leicht löslichen Dügesalzen UND von hochmolekularen Stickstoffverbindungen ernähren! Letzteres ist die natürliche Art der Pflanzenernährung, wobei der Prozess der Stickstoffaufnahme bis heute nicht abschließend geklärt ist.

Nun drängt sich langsam ein ganzer Berg an Fragen auf. Müssen wir uns damit abfinden, dass ohne Kunstdünger die Ernteerträge einfach begrenzt sind, dass wir nicht auf jedem Standort alles anbauen können? Wie ist das mit der Ertragslücke (das ist die Differenz zwischen den Erträgen aus biologischer und nicht biologischer Landwirtschaft), können wir mit Bio vielleicht doch nicht die Welt ernähren? Reicht uns die Ackerfläche vielleicht doch nicht, die wir zur Verfügung haben? Und wie können wir den vorhandenen Stickstoff optimal nutzen? Wie können wir in unseren Gärten Stickstoffverluste vermeiden? Wie ist das mit den anderen Mineraldüngern und wie sieht sie aus, die richtige Behandlung des organischen Düngers und des Bodens? Und was hat das alles mit der Bodenbelebung zu tun?

Auf alle diese Fragen werde ich in weiteren Artikeln zum Thema eingehen. Vollständige Antworten wird es nicht geben weil auch die Forschungen zu diesen Fragen teilweise noch völlig am Anfang stehen, aber es gibt eine Menge Erfahrungswissen, dass jede*r anwenden kann.

Bleibt also schön neugierig!


[1] https://permakultur.de/neuigkeit/sonnenstickstoff/

[2] https://blogs.nabu.de/tag/earth-overshoot-day/

[3] 
https://www.umweltbundesamt.de/daten/energie/primaerenergieverbrauch#primarenergieverbrauch-nach-energietragern