Erinnerungen an die Zukunft
Eine andere Welt ist nicht nur möglich,
sie ist auf ihrem Weg.
An einem stillen Tag,
an einem ganz stillen Tag
kann ich ihr Atmen hören.
So lautet der Text eines Liedes von Arundhati Roy und Diane Kaplan. Ich höre sie nicht nur atmen, ich sehe und fühle sie auch, an stillen und an lauten Tagen, an hellen und an dunklen. Sie wird hörbar, wenn wir selbst singen; sie wird fühlbar, wenn wir unsere eigenen Geschichten erzählen; wir können sie schmecken, wenn wir selbst angebaute oder selbst zubereitete Nahrungsmittel essen; sie wird erlebbar, wenn wir etwas verschenken und in jedem Augenblick in dem wir die Welt der Gemeingüter und der Geschenke wieder aufleben lassen. Diese scheinbar längst vergangene und verlorene Welt ist näher als wir denken. Wir müssen uns nur dafür entscheiden, sie wieder in unser Leben zu lassen. Dann tritt sie aus der Vergangenheit in unsere Gegenwart und reicht bis in die Zukunft.
Es ist die andere Welt, von der in dem Lied die Rede ist, die schönere Welt, die unser Herz kennt, wie Charles Eisenstein es ausgedrückt hat.
Diese Welt wird eine Welt der Dankbarkeit sein. Diesen Teil der neuen Welt können wir schon heute erschaffen, jeden Tag, sofort. Wir können unsere Dankbarkeit ausdrücken für alles was da ist: die Luft zum Atmen, das Wasser, die Pflanzen, den Himmel und all die Dinge, die wir täglich benutzen. In einer Übung, die ich manchmal mache, bitte ich die Erde am Morgen um alles was schon da ist, so selbstverständlich es auch erscheinen mag, um jeden Gegenstand, den ich benutzen werde, um alles was mir gehört, um die Tasse aus der ich trinke und den Kaffee darin und ich erinnere mich gleichzeitig an die Orte ihres Ursprungs und an die Menschen, die es hergestellt haben, auch wenn ich sie nicht kenne. Am Abend danke ich dafür. Das verbindet mich ganz neu und ganz anders mit der Fülle in der wir leben und es weitet den Blick: die Welt ist voller Geschenke.
In der neuen Welt werden wir sehr sorgsam mit diesen Geschenken umgehen. Wir werden so wirtschaften, dass die Lebenssysteme der Erde nicht zerstört, sondern gefördert werden – Wirtschaft als Erweiterung des Ökosystems. Auch damit können wir schon jetzt beginnen, indem wir uns genau überlegen, was wir wirklich brauchen und mit allem was wir haben wertschätzend und fürsorglich umgehen.
In dieser neuen Welt werden wir alle Lebewesen als unsere Verwandten betrachten, erst recht alle anderen Menschen. Und wir werden die anderen Menschen nicht als Person verurteilen, wenn sie den Weg der Gewalt und Zerstörung gehen, sondern das was sie tun. Wir werden lernen, die Anderen mit ihren Bedürfnissen zu verstehen und wir werden lernen einen Ausgleich zu finden zwischen unseren Bedürfnissen und denen der Anderen. Diese Möglichkeit steht uns immer offen, wenn wir mit anderen Menschen in Kontakt kommen oder wenn wir die Auswirkungen ihres Handelns sehen oder wenn wir das Gefühl haben, dass unsere eigenen Bedürfnisse nicht ausreichend erfüllt werden. Hier haben wir wahrscheinlich das größte Potential, die andere Welt schon heute zu erschaffen.
In dieser neuen Welt werden wir wieder herstellen was wir jetzt noch zerstören: die Vielfalt an Pflanzen und Tieren und Lebensräumen, die Reinheit der Luft und des Wassers und die Fruchtbarkeit der Böden. Schon jetzt können wir beginnen, der Natur mehr Raum zu geben, auf Flächen die keinem Nutzungsdruck unterliegen. Zuallererst natürlich in unseren eigenen Gärten, auch auf öffentlichen Grünflächen und an Wegrändern. Jeder Mensch, der in irgendeiner Weise über ein Stück Land verfügen kann, hat diese Möglichkeit und sei es ein Balkon mitten in der Stadt. Und wir können eine neue Art von Landwirtschaft unterstützen, die all das genannte schon heute tut. Unsere eigene Ernährung ist der Schlüssel für diesen Teil der neuen Welt.
Wir müssen nicht so leben wie wir es jetzt tun, wir müssen nicht die Erde plündern und unsere Lebensgrundlage zerstören, um ein gutes Leben zu führen. Wir können in jedem Augenblick andere Entscheidungen treffen, wir können uns verlieben in die Vision einer anderen Welt. Wenn diese andere Welt die größte Sehnsucht unseres Herzens ist, werden wir sie erschaffen.
Die neue Welt entsteht aus unseren Gedanken, aus unseren Visionen. Wenn wir sie für möglich halten und mit Anderen teilen, werden wir die Anderen inspirieren. Gemeinsam werden wir die neue Welt erschaffen. Und wir müssen nicht dort beginnen wo der Widerstand am größten ist und uns ein eisiger Wind entgegen bläst. Wir können dort beginnen wo sich Freiräume zeigen. Die größten Freiräume für neues Denken und für neues Handeln finden wir in uns selbst. Auch im Außen tun sich immer wieder Möglichkeiten auf. Charles Eisenstein vergleicht unsere moderne Industriegesellschaft mit unreifen Ökosystemen, den so genannten Pioniergesellschaften. Diese sind gekennzeichnet durch schnelles Wachstum und hohe Konkurrenz. Sie sind allerdings nicht sehr langlebig. Dort wo sie beginnen abzusterben, wird Raum frei für langlebige, stabile Systeme die Jahrtausende überdauern können. Nutzen wir diesen Raum, um dort die Samen für die neue Welt auszustreuen: Dankbarkeit, Schenkökonomie, Wiederverwendung von Dingen, die sonst im Müll gelandet wären, solidarische Landwirtschaft, Singkreise, Visionstreffen, Reparaturcafés, Umsonstläden, Selbstgemachtes aller Art, Saatguttausch, Lebens-, Wohn- und Wirtschaftsgemeinschaften, Nachbarschaftstreffen, Freundlichkeit, gegenseitige Wertschätzung, gewaltfreie Kommunikation, Unterstützung von Organisationen, die auf politischer Ebene oder in der Bildung für die neue Welt arbeiten.
Diese Liste lässt sich noch eine Weile fortsetzen – so viele Möglichkeiten.
Aus der Summe all dessen entsteht die neue Welt. Sie wächst und breitet sich aus und immer mehr Menschen werden Gefallen an ihr finden. Verliebe dich in diese neue Welt, verliebe dich in die unzähligen Möglichkeiten, sie zu gestalten. Das wichtigste ist, dass wir diese neue Welt in uns tragen, dass wir sie leben, dass wir uns verändern, dass wir verkörpern, was wir in der Welt sehen wollen und dass wir uns damit zeigen. Erinnere dich, erinnere dich an diese Zukunft, die wir erschaffen können und die schon jetzt erlebbar ist. Erinnere dich jeden Tag daran. Unser Leben kann ein Geschenk an die Welt sein, eine Liebeserklärung an die Erde und an alles was darauf lebt.
Cottbus im Januar 2026, Vervielfältigen und weiterleiten, unter Angabe meiner Webseite als Quelle, ist ausdrücklich erwünscht! www.gerdcarlsson.de